Die Goldenen 80´er

Wissen was das Herz fühlt




Als Kind habe ich öfter mit meinen Freunden in den Seitenstraßen der Langen Rötterstraße in Mannheim-Neckarstadt gespielt. Eines unserer Lieblingsspiele war „Räuber und Gandarme“. Das Spiel kennen bestimmt noch einige von euch. Die eine Gruppe bestand aus den Räubern und die Anderen waren die Polizisten. Als Pistolen hatten wir unsere Hände zu einem L geformt und schrien: „Peng“, wenn ein Gandarme auf einen Räuber - oder umgekehrt - traf. Derjenige, der getroffen wurde, musste dann aus dem Spiel ausscheiden. Es gab natürlich immer Unstimmigkeiten, ob derjenige jetzt getroffen wurde oder nicht. Aber letztlich kamen wir immer zu einer Einigung. Natürlich spielten wir hauptsächlich auf dem Clignetplatz - ein Spielplatz in der Mannheimer Neckarstadt. De sandige Grünfläche mit ein paar Spielgeräten darauf bot mehre Möglichkeiten, an denen man sich austoben konnte. So spielten wir oft Wett-Schaukeln. Wer während dem Schaukeln so weit wie möglich springen konnte war der Beste, bis der Rekord gebrochen und wieder erneuert wurde. Fußball war natürlich ebenfalls mit im Programm. Die Bänke waren die Tore. Wir spielten nie auf Zeit, sondern so lang bis wir keine Lust mehr hatten oder sich die Gruppe auflöste. Ein großer Sandkasten, 5 x 5 Meter - war ebenfalls ein Teil des Spielplatzes. Inmitten des Sandkastens befand sich eine Rutsche. Ein Klettergerüst und eine Holzhütte, die eher einem kleinen Dach glich waren auch dem auf dem Spielparadies für kleine Engel oder Bengel. Der ganze Platz war wie eine große Verkehrsinsel von jeder Seite mit Straßen umgeben. Es war eine verkehrsberuhigte Gegend. Alles in allem, ein Spielplatz der Kinderherzen höher schlagen lässt. Zumindest sah ich das damals so. In Wirklichkeit war es nicht ungefährlich, denn jeden Moment könnte plötzlich ein Auto auftauchen und ein unachtsames Kind übersehen - aber vermutlich ging diese Gefahr im Charme der 80er Jahre unter.

 

Nur fünf Minuten Kind sein im Alltag ist wie

eine Woche Wellness für Körper, Geist und Seele.

 

Ansonsten war meine Kindheit eher normal. Naja, normal im Normbereich der Extreme, denn ich war überdurchschnittlich intelligent, aber auch ein Störenfried der natürlichen Ordnung, der mit seinem aufgeweckten Sinn für die Wahrheit ein Problem für Autoritätspersonen wurde. Das ganze mit einer Brise kindlicher Leichtigkeit. Immer mit dem Kopf durch die Wand und meistens sogar erfolgreich. Wahrscheinlich war ich nach heutigen Standards ein ADHS-Kind, aber glücklicher Weise blieb ich von den Medikamenten verschont, die die Symptome der aufmerksam-suchenden Lebendigkeit hemmen und etliche Nebenwirkungen mit sich bringen.

 

Ich konnte schon lesen und schreiben, da war die Klasse noch nicht mal zur Hälfte mit dem Alphabet durch. Ein Buch hatte ich binnen 3 Tagen durchgelesen, wobei ich, mit einer Taschenlampe bewaffnet und wie im Film mit der Bettdecke über dem Kopf auch Nachts las. Damals stand ich unheimlich auf „Fünf Freunde“ von Enid Blyton und Kenner wissen, dass ein solches Buch nicht gerade dünn ist. Noch heute mag ich die Fünf Freunde sehr. Auch die Remake-Filme, die zwischen 2010 und 2020 raus kamen habe ich regelrecht inhaliert - wahrscheinlich weil ich es liebe meinem inneren Kind was gutes zu tun! Außerdem waren die Remake-Filme der Fünf Freunde sogar ganz gut gelungen. In meiner Kindheit war das I-Tüpfelchen meine Phantasie, wie die Fünf Freunde aussehen und wie sich die Geschichte im Detail abspielte. Ich konnte mir die Worte so bildhaft ausmalen, dass ich fast schon ein Teil des Abenteuers wurde. So war ich schon etwas enttäuscht als ich Mitte der 80er Jahre die ersten Fünf-Freunde-Filme sah. Allerdings hielt das komische Gefühl meiner veränderten Realität nur kurzzeitig an.

 

Ich war damals schon eine kleine Leseratte. Als ich von meiner Mutter vorgeschrieben bekam nur noch ein Buch pro Woche auszuleihen, habe ich einfach einen 5 Bänder aus der Bibliothek mitgebracht. Stellenweise lernte ich sogar das Lexikon auswendig. Heute haben wir es mit Internet einiges leichter, was aber dazu anregt selbst kleinste Aufgabenbereiche nachzugoogeln und seine grauen Gehirnzellen zu vernachlässigen. Allerdings blieb alles Lexikon-Wissen bei mir nur im Kurzzeitspeicher und zum Teil verstand ich die Worterklärungen auch gar nicht. Das Gelesene plapperte ich einfach nur nach. Das viele Lesen brachte mir im Deutsch-Unterricht gute Noten. Gerade in der Schule wurde mein ADHS-Syndrom zu einer Herausforderung, dem nicht viele Lehrer gewachsen waren. Zum Beispiel war ich Klassenclown und trotzdem bekam ich, während ich in der Unterrichtsstunde mit meinen Mitschülern heimlich Dünger produzierte jedes Wort mit, was der Lehrer sagte. Dieser konnte mich nicht einmal dadurch ermahnen Ruhe zu bewahren, in dem er mich etwas zu dem gerade gesagten fragte. Nicht wenige Lehrer brachte das erst recht in Rasche. Außer meine Lieblingslehrerin, ich nenne sie mal Miss K. In der ersten und zweiten Klasse . Miss K. habe ich wie ein großherziges, aber auch geradliniges Großmütterchen in Erinnerung. Sie dürfte zwischen 50 und 60 Jahre alt gewesen sein und hatte bereits silbernes Haar. Hätte nur noch das Strickzeug gefehlt und sie hätte als Erstbesetzung für Witwe Nolte durchgehen können. Sie verstand es neben einer strengen Hand selbst die wilden Buben unter ihren Schützlingen zu motivieren und zu Disziplin zu bewegen. Für die meisten war ich sehr wahrscheinlich ein Lehrerschreck! Bei Miss K. war ich gegenüber der anderen Kinder eher verhaltensunauffällig. Es gab nur wenige Lehrkräfte, die die Nervenstärke hatten mir auf Dauer Paroli zu bieten. Dementsprechend oft war meine Mutter auch in der Schule. Für viele war ich ein Engel und zugleich ein kleiner Satansbraten, denn ich hatte einen unbändigen Sturrkopf. Andererseits hatte ich schon damals ein großes Herz und mein Verstand wollte immer mit Wissen und Erfahrungswerten gefüttert werden. Das hat sich heute zwar nicht geändert, aber im Gegensatz zu meiner Kindheit bin ich heute ein eher stiller Revoluzzer.

 

Ich war damals sehr bibeltreu und lebte auch nach ihren Lehren. Zumindest wie ich sie interpretierte und das war sicherlich tiefsinniger als bei manchem Pfarrer. Vermutlich war die Resonanz zu der Bibel sehr groß, weil sie viel spirituelles Wissen enthält, wenn man es auch zu deuten weiß. Deren Symbolik sollte mich noch viele weitere Jahre prägen und ist sicherlich eine der Grundsäulen meines heutigen Wissens und Wesens. Bei Diskussionen über Bibelzitate mit meinen Religionslehrern habe ich oft Recht behalten, was sie zur Weißglut brachte. Klar, denn da ich ja auf Bücherreduktion lebte, las ich nicht nur einmal in dem großen Buch. Sonntags ging ich oft in den Kindergottesdienst, den ich immer sehr genoss. Obwohl ich evangelisch getauft wurde habe ich mich später nicht konfirmieren lassen. Das hatte als ich 13, 14 war keine besondere Bedeutung für mich. Ich behaupte mal, dass die wenigsten Konformanten überhaupt wissen, dass mit dem kirchlichen Ritual die Taufe bestätigt wird. Heute versuche ich die Worte der Bibel aus meinem Verstand zu löschen. Ich finde die meisten Schriften immer noch toll, aber wenn ich mir betrachte wie und wann die Bibel entstand, von der großen Zensur von Kaiser Konstantin ganz zu schweigen, wird der Wahrheitsgehalt sehr wage und umstritten. Wir Menschen haben alle mindestens ein hochaktuelles Sprachrohr zu Gott, aber das Thema ist Stoff für viele weitere Kapitel. Auf jeden Fall ist stetiger Wandel eine Grundvoraussetzung der Lebensessenz oder Lebensqualität und  deswegen kann kein Buch der Welt ewige Aktualität haben. Das wäre ungefähr so als würde ich lieber mit einem alten Bild als mit einem alten Freund kommunizieren. Gleichgültig was man in das Bild des Freundes alles reininterpretieren will, erst der Freund selbst kann mir sagen wie es ihm geht.

 

Wie gesagt, genauso wie ich zielstrebig und intelligent war, war ich ein Lausebengel und hatte es Faustdick hinter den Ohren Ist ja eigentlich heute noch so, aber irgendwann siegt halt doch die Vernunft. Obwohl meine Mutter eine sehr geduldige Frau war und heute noch ist, war sie kurz davor das Jugendamt einzuschalten, weil sie überhaupt nicht mehr mit mir zu Recht kam. Dauernd machte ich das Gegenteil, was man mir sagte. Lehrer, Eltern, Verwandte, mein gesamtes Umfeld brachte ich mit meinem Freiheitsdrang zur Verzweiflung. Ich war ein aufgeweckter Kerl, der die Welt nicht schnell genug entdecken konnte. Bis ich dann vom Schicksal gestoppt und wieder in ruhigere Bahnen gelenkt wurde. Dazu mehr in dem Kapitel "To be alive". Heute ist das stellenweise sehr ähnlich, aber ich lasse meine „überschüssige Energie“ nicht mehr so stark nach Außen und versuche sie auszubalancieren. In meiner Mitte zu bleiben gelingt mir immer besser.

 

Als kleiner Junge war ich ziemlich oft im Herzogenried-Park. Er war nicht weit von Zuhause weg. Außerdem musste sich die Jahreskarte ja auch lohnen. Im Park gab und gibt es gigantisch lange Steinhöhlen in einem Sandkasten, der bestimmt 30 x 30 Meter fast. Die Steinhöhlen sind ähnlich wie ein Labyrinth gebaut und darüber, in der Mitte des Sandkastens hält ein großer Mast ein Seilnetz, ähnlich den alten Segelschiffen. Natürlich ist etwa 2 Meter über den Steinhöhlen ein Sicherheitsnetz mit dicken Seilen gespannt. Die Kletteranlage mit den Steinhöhlen erfreut heute immer noch viele Kinderherzen. In der Parkanlage sind noch eine Trampolin- und eine Spritzball-Anlage. Minigolf kann man da auch spielen und es gibt da auch eine Frei-Tier-Anlage, bei der ich als Kind die kleinen Ferkel beobachten konnte wie sie heranwuchsen. Der Park ist sehr groß, ein Paradies von Blumen und Natur und verschiedenen Veranstaltungshäusern. Beispielsweise war da 2010 die Ausstellung „Körperwelten der Tiere“.

 

In der neben dem Park liegenden Siedlung habe ich mich mal verlaufen, als ich am Nachmittag vom heiligen Abend mit meiner kleinen Schwester spazieren ging. Ich war sechs oder sieben Jahre jung und meine elf-monatige Schwester schob ich in ihrem bunten Buggy herum. In dieser Siedlung glich ein Haus dem anderen und ich suchte verzweifelt den Ausgang. Erst konnte ich noch relativ ruhig bleiben, aber nach etwa einer viertel Stunde heulte ich mit meiner Schwester um die Wette. Das hat Gott sei Dank eine Passantin mitbekommen und half uns aus dem Immobilien-Dschungel hinaus. Als ich ruhiger wurde, wurde auch meine Schwester wieder ruhiger. Meine Eltern machten sich natürlich Sorgen, weil meine Schwester und ich nicht pünktlich um 18 Uhr zur Bescherung erschienen und wie merkwürdig das für Kinder ist brauche ich ja wohl nicht betonen. Nicht nur ich war heilfroh, als wir endlich daheim waren und mit dem Geschenke auspacken beginnen konnten. Ich glaube, es war das Weihnachten an dem ich mein erstes Fahrrad bekam. Weihnachten war damals noch ein besonderer Tag für mich. Die Vorfreude auf die Bescherung war für mich immer unbeschreiblich groß. Natürlich freute ich mich auch auf die Geschenke, aber viel schöner war für mich die zauberhafte Atmosphäre, die meine Eltern den ganzen Tag vorbereiteten. Wir Kinder durften am 24. außer Abends nicht ins Wohnzimmer. Gegen 18 Uhr klingte ein Klöckchen, aber leider haben wir immer das Christkind knapp verpasst. Der leuchtende Christbaum war für mich immer eine riesige und besondere Erscheinung. Die Weihnachtslieder im Hintergrund öffneten mein Herz und dieser Zauber hat bestimmt meine Kinderaugen schon so manches Mal zum Wettfunkeln mit dem Weihnachtsschmuck gebracht. Heute hat das Fest der Liebe eher eine Bedeutung für mich wie ich es auch unterm dem Jahr jeder Zeit gerne lebe - bedingungslose Liebe! Es ist für mich jederzeit möglich die besonderen Momente des Lebens zu feiern. Mit oder ohne Geschenke ist für mich gleichgültig, wobei ich sehr gerne schenke.

 

Heute weihe ich jeden Tag und jede Nacht.

 

Aktualisiert am 19. Juli 2022



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